Er entsteht durch Austausch und durch die Weitergabe von Erfahrung – sowie durch Kolleginnen und Kollegen, für die Nachwuchsförderung mehr ist als ein Lippenbekenntnis. Genau dafür gibt es das Mentoring-Programm der ARGE Baurecht.
Das Prinzip ist denkbar einfach: Erfahrene Baurechtlerinnen und Baurechtler begleiten jüngere Kolleginnen und Kollegen (in spe) während der Baurechtstagung. Sie führen Gespräche, essen gemeinsam zu Mittag und ermöglichen einen Blick hinter die Kulissen. Es gibt kein Curriculum, keinen strikten Zeitplan und praktisch keinen zusätzlichen Aufwand.
Und dennoch: Viele Mitglieder unserer Arbeitsgemeinschaft waren bislang nicht dabei. Wir haben bei den letzten drei Baurechtstagungen nachgefragt, warum. Die Antworten waren ehrlich und aufschlussreich – manchmal überraschend, manchmal zum Schmunzeln. Und fast alle lassen sich entkräften.
„Ich habe keine Zeit."
Dies war die mit Abstand häufigste Antwort über alle drei Befragungen hinweg. Und vermutlich auch die aufrichtigste. Dabei ist vermutlich nicht die Zeit während der Tagung gemeint, sondern die im Kanzleialltag: zu viele Mandate, zu wenig Stunden, kein Kopf für weitere Verpflichtungen.
Aber: Das Mentoring findet während der Tagung statt, nicht zusätzlich dazu. Es gibt keine Vor- und Nachbereitungspflicht, keine Sitzungen, keine Berichte. Wer zur Tagung kommt, ist bereits dabei. Der Mehraufwand beschränkt sich auf Gespräche, die man ohnehin führen würde, nur im Mentoring-Programm mit einem konkreten Gegenüber.
Eine Kollegin formulierte es so: Sie sei grundsätzlich sehr gerne bereit, aber ohnehin schon durch Kanzlei, Lehrtätigkeit und Ehrenämter so eingespannt, dass sie sich ungern anbiete und dann feststellen müsse, nicht zuverlässig genug leisten zu können. Das ist ein gutes und ehrliches Argument. Wer weiß, dass er während der Tagung selbst kaum Luft hat, sollte sich das gut überlegen.
Wer aber Lust auf einen aufschlussreichen Austausch mit jungen Talenten hat, sollte erwägen, beim nächsten Mal als Mentorin oder Mentor dabei zu sein.
„Ich habe selbst noch nicht genug Erfahrung."
Das ist der Einwand, den wir am häufigsten von Kolleginnen und Kollegen hören, die bereits die ersten Jahre im Baurecht „auf dem Buckel“ haben. Mehrere Teilnehmende unserer Befragungen beschrieben sich als „jung im Baurecht“, obwohl sie bereits drei oder vier Jahre Berufserfahrung aktiv sind.
Keine Sorge: Niemand erwartet 20 Jahre Praxis. Wer einige Jahre Erfahrung im Baurecht hat, ist für Einsteiger bereits enorm wertvoll – und hat vor allem eine Perspektive, die näher an der Realität des Einstiegs liegt als die eines arrivierten Partners. Gerade das ist wertvoll.
„Ich bin Einzelanwalt – für einen Mentee hätte ich gar nichts zu bieten."
Wir sind ganz anderer Meinung. Gerade wer allein arbeitet, hat etwas zu bieten, das große Kanzleien strukturell kaum vermitteln können: den vollständigen Blick auf das Mandat, die unternehmerische Dimension des Anwaltsberufs und das Handwerk ohne Netz und doppelten Boden. Wer als Einzelanwalt im Baurecht bestehen kann, hat mehr gelernt als die meisten.
Wer als Einzelanwalt keine Kapazität hat, einen weiteren Kollegen einzustellen oder zu fördern, hat immer noch die Möglichkeit, sich einfach so für die Zukunft des Baurechts zu engagieren und als Mentor:in ein junges Talent in das beste aller Rechtsgebiete einzuführen.
„Ich habe mich noch nicht mit dem Mentoring-Programm auseinandergesetzt."
Vollkommen verständlich. Deshalb hier die Kurzfassung: Sie melden sich als Mentor:in an, zahlen eine Teilnahmegebühr von 360 Euro (mehrwertsteuerfrei), die direkt die kostenfreie Teilnahme eines Mentees finanziert, und werden während der Tagung per Los einem Mentee zugeordnet. Was dann folgt, ergibt sich. Mehr Vorbereitung braucht es nicht.
„Keine Lust."
Respekt für die Ehrlichkeit. Darüber lässt sich nicht gut diskutieren. Aber eine Kollegin hat es selbst auf den Punkt gebracht: „die eigene Bequemlichkeit – ich gelobe Besserung." Mehr ist dazu nicht zu sagen.
„Die Zuordnung per Los ist mir zu zufällig – ein Mentee aus Hamburg passt nicht zu meiner Kanzlei in Bayern."
Das ist ein verständlicher Gedanke. Aber es ist ein lösbares Problem.
Alle Mentor:innen erhalten die Kontakte der anderen Mentor:innen – unter anderem, damit im Falle einer fehlenden geografischen Passung ein unkomplizierter Tausch möglich ist.
Wenn feststeht, dass der zugeloste Mentee 500 Kilometer entfernt wohnt, kann man sich mit einer Kollegin oder einem Kollegen aus der Nähe des Mentees absprechen und tauschen. Unter anderem zu diesem Zweck geben wir die Kontaktdaten aller Mentor:innen untereinander weiter. Wir wissen aus der Praxis, dass das gut und kollegial funktioniert.
Und ja, wer auf der Suche nach dem nächsten Associate ist, hat mit einem zufällig zugeordneten Mentee aus einer anderen Region nicht sofort Erfolg, aber die Beziehung kann sich auch über die Distanz entwickeln.
„Ich habe kein Problem damit, Nachwuchs zu finden – wir bilden bereits in der Kanzlei aus."
Wer bereits intern ausbildet, weiß, wie wertvoll frühe Gespräche sind – und wie selten sie rein zufällig gut verlaufen. Das Mentoring-Programm ist keine Konkurrenz zur eigenen Ausbildung, sondern eine Ergänzung. Es ist ein Austausch während der Tagung, der vielleicht nichts verändert. Aber er kann jemandem auch zeigen, dass genau diese Kanzlei, dieser Bereich oder dieses Rechtsgebiet das Richtige für ihn sind.
Und ja: Wer als Mentor:in sichtbar ist, wird in der Community wahrgenommen. Allein das ist nützlich und sinnstiftend.
„Die Büroorganisation macht da nicht mit."
Das ist vielleicht der ehrlichste aller Einwände – weil er zeigt, dass der Wille da ist, die Strukturen aber nicht. Wer intern überzeugen muss, dass ein Mentoring-Engagement sinnvoll ist: Die Investition besteht aus 360 Euro und zwei Stunden an einem Tagungstag. Der potenzielle Ertrag ist ein frühzeitiger Kontakt zu jemandem, der vielleicht in drei Jahren die beste Einstellung der Kanzlei wird. Das lässt sich auch intern vertreten.
„Zu viel Aufwand – und was bringt es mir konkret?"
Der Aufwand ist überschaubar: Anmeldung, Losentscheid vor Ort, ein gemeinsamer Tag. Keine Hausaufgaben, keine Folgeverpflichtung.
Einen ganz konkreten und messbaren Nutzen können wir Ihnen nicht in die Hand versprechen. Aber was wir sagen können: Wer am Ende der Tagung ein junges Talent findet, das genau zu seiner Kanzlei passen könnte, hat mehr gewonnen als erwartet. Wer „nur“ gute Gespräche führen konnte (die können wir garantieren) hat immer noch etwas gewonnen.
„Ich bin zwar erfahren, aber sehr spezialisiert – bin ich da überhaupt der Richtige?"
Ein Kollege schrieb, er arbeite überwiegend im öffentlichen Recht und referiere zum Bauplanungsrecht; ein Mentoring für Fragen des Werkvertrags- oder zivilen Baurechts erschiene ihm nicht passend.
Das verstehen wir. Und dennoch: Baurechtlicher Nachwuchs profitiert gerade von Perspektivvielfalt. Wer frühzeitig versteht, dass das Baurecht öffentlich-rechtliche, privatrechtliche und vergaberechtliche Dimensionen hat – und dass Spezialisierung eine Entscheidung ist, keine Selbstverständlichkeit –, ist besser vorbereitet als jemand, der nur einen Ausschnitt kennt.
„Ich stehe kurz vor dem Berufsende."
Dann ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt für ein altruistisches Engagement als Mentor:in. Was Sie in Jahrzehnten gelernt haben, geht verloren, wenn Sie es nicht weitergeben. Wer kurz vor dem Berufsende steht, hat meist den klarsten Blick dafür, was wirklich zählt und was nicht. Als Mentor:in können Sie dafür sorgen, dass Ihre Erfahrung weitergetragen wird.
„Ich bin zu wenig im Baurecht tätig."
Auch das kennen wir. Wer nur gelegentlich baurechtliche Mandate bearbeitet, fühlt sich vielleicht nicht als „echte Baurechtlerin" oder „echter Baurechtler". Aber gerade Kolleginnen und Kollegen, die das Baurecht aus einer anderen Perspektive kennen – als Notar mit Schwerpunkt Bauträgervertrag, aus dem Vergaberecht, als Richter –, bringen Sichtweisen mit, die für Nachwuchs mit engem Baurechts-Fokus wertvoll sein können.
Ein letzter Gedanke
In einer der Evaluationen schrieb ein Mitglied, er habe 17 Jahre lang versucht, baurechtlichen Nachwuchs für die eigene Kanzlei zu finden – und sei dabei gescheitert. Man könnte nun darüber diskutieren, woran das wohl gelegen haben mag. Man könnte aber auch einfach jetzt anfangen, die richtigen Leute früh genug kennenzulernen.
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