„Baurecht ist so vielfältig wie eine ganze Stadt“

In der Welt des Bauens prallen oft Welten aufeinander: technische Präzision trifft auf juristische Komplexität, und die Realität der Baustelle auf das Regelwerk des Gesetzgebers. Genau an dieser Schnittstelle ist Carla Witte zu Hause – eine Juristin, die das Bau- und Architektenrecht nicht nur aus dem Aktenordner, sondern von der Pike auf aus der Praxis kennt.

Schon ihre erste Station nach dem Studium führte die Kollegin geradewegs ins Baurecht. Ihre ersten Berufsjahre verbrachte sie als Syndikusrechtsanwältin in einem Bauunternehmen. Erst danach wechselte sie in die klassische Kanzleiwelt. Diese doppelte Erfahrung macht sie zur idealen Brückenbauerin zwischen Baustelle und Besprechungsraum. Sie versteht, wie Verträge im Büro klingen müssen – und wie sie auf der Baustelle wirken. 

Wir sprachen mit ihr über ihren ungewöhnlich direkten Weg ins Baurecht, wie sie die Herausforderungen des Rechtsgebiets kennen und lieben gelernt hat und was es braucht, um als Juristin „auf dem Bau“ glücklich zu werden. 

 

Frau Witte, wenn das Baurecht ein Gebäude wäre – was für eines wäre es?  

Carla Witte: Wer hat sich denn diese Frage ausgedacht? (lacht) Spontan fällt mir nicht etwa ein einzelnes Gebäude ein, sondern gleich eine ganze Stadt. Denn wenn ich an Baurecht denke, sehe ich sowohl Hochbau, Tiefbau, Ingenieurbau, Brücken, Straßen, Infrastruktur usw. – genauso vielfältig, wie eine ganze Stadt ist eben auch das Baurecht. Das finde ich bis heute einfach total spannend!
 

Wollten Sie schon immer Juristin werden? 

Jein. Als Grundschülerin wollte ich unbedingt Anwältin werden. Schließlich waren meine Eltern beide Anwälte mit eigener Kanzlei. Freitagnachmittags wollte ich dann immer mit in die Kanzlei gehen und dort „mitarbeiten“. Irgendwann hatte ich meinen eigenen kleinen Blazer mit Monogramm und fühlte mich sehr anwaltlich. (lacht) Später, in der Anfangszeit am Gymnasium entdeckte ich das Bauingenieurwesen und die Architektur für mich und begann, Baupläne von Häusern zu zeichnen. Dennoch blieb ich der Kanzlei meiner Eltern treu, konnte irgendwann Aufgaben im Backoffice erledigen, durfte aber auch mit zu Gerichtsterminen. Diese Begeisterung hat sich bis heute gehalten. 

 

Wann und wie haben Sie das Baurecht für sich entdeckt? 

Während meines Jurastudiums habe ich das Bauen nie aus den Augen verloren. Nach dem Referendariat habe ich nach einer Verbindung von Bau, Architektur und Recht gesucht. Ich bin dann auf eine Stelleanzeige eines Bauunternehmens gestoßen, die total spannend klang. So habe ich in einem Bauunternehmen angefangen und war im privaten Baurecht angekommen – und kann mir nichts anderes mehr vorstellen. (lacht) Daraus wurden dann mehrere Jahre als Syndikusanwältin in verschiedenen Bauunternehmen. So habe ich die Branche von der Pike auf kennengelernt – von allgemeinem Hochbau bis hin zu Logistikhallen, von Spezialtiefbau über Infrastrukturbau bis hin zum. Das war richtig spannend. Später bin ich dann auf Kanzleiseite gewechselt, was mich bis heute begeistert. 

 

Gab es einen bestimmten Moment oder Fall, der Ihnen gezeigt hat: „Das ist mein Fachgebiet“? 

Es gab nicht den einen Moment, sondern nach und nach die Erkenntnis, dass ich in einem sehr vielfältigen Gebiet unterwegs bin, das mir richtig gut gefällt. Je mehr Erfahrungen ich sammelte, desto mehr bestätigte sich dieser Eindruck. Dazu gehört auch, dass ich immer mit sehr unterschiedlichen Menschen in den Projekten zusammenzuarbeiten darf. Wir bauen gemeinsam an etwas, (fast) immer konstruktiv im wahrsten Sinne des Wortes.  

 

Was fasziniert Sie am Baurecht im Vergleich zu anderen Rechtsgebieten? 

Mich begeistert bis heute, dass ich in den Projekten gemeinsam an etwas Großem mitarbeite. Ein Bauvorhaben Stück für Stück entstehen zu sehen und das Gefühl zu haben, auch einen kleinen Teil zum Erfolg des Projekts beitragen zu können, das hat mich beflügelt. Was mir dabei sehr geholfen hat, ist meine Praxisnähe, die ich als Syndikus im Bauunternehmen gelernt habe. Ich bin sehr vertraut mit der Baustelle, kenne jede Rolle der Menschen dort, eben nicht nur die Planer, Architekten und Projektsteuerer, sondern diejenigen, die ganz handfest bauen, die Poliere, die Bauarbeiter – zu all denen habe ich einen guten Draht und weiß, wie die ticken. Diese bodenständige Art mag ich sehr. 

 

Was ist das Besondere am Baurecht? 

Bauen ist wie das echte Leben. Wir leben alle in Bauwerken, wir merken schmerzlich, wie es ist, wenn das Wasser nicht läuft oder die Heizung kaputt ist. Bauwerke spielen eine zentrale Rolle im alltäglichen Leben und ich mag es sehr, an ihrer Entstehung mitzuwirken. Mir gefällt auch die Mentalität der allermeisten Menschen, die in der Branche unterwegs sind und die man in einem Projekt alle unter einen Hut kriegen muss, um gute Lösungen zu finden. Und schließlich ist da noch diese großartige Baurechts-Familie, wie ich sie in der ARGE Baurecht kennengelernt habe. Dieser Austausch und Zusammenhalt – hart in der Sache, aber stets integer und kollegial – das ist etwas Besonderes.  

 

Hatten Sie Mentoren oder Vorbilder, die Sie auf deinem Weg begleitet haben? 

Ja, unbedingt! Da fällt mir Rechtsanwalt Andreas Germeyer ein, der frühere Leiter der Rechtsabteilung beim Bauunternehmen Köster. Von ihm habe ich beruflich laufen gelernt. Er war schon damals ein sehr erfahrener Kollege, pflegte einen offenen Umgang und wollte einem wirklich etwas zeigen. Dann fallen mir noch einige Ingenieure ein, die mir „die Hand gereicht“ und mich von vornherein „für voll genommen“ und gut unterstützt haben. Ich denke aber auch an die gute Unternehmenskultur in beiden Bauunternehmen, in denen ich gearbeitet habe. Das alles hat mir den Einstieg in die Baubranche sehr erleichtert – auch und vor allem als junge Berufsanfängerin. 

 

Können Sie uns eine Anekdote aus Ihrem beruflichen Alltag erzählen, die Sie geprägt hat?  

Da muss ich direkt an ein Projekt in meinem dritten oder vierten Berufsjahr denken. Ich habe damals zwar schon Verträge geprüft und begleitet, die Projekte waren aber meist kleiner. Es stand der Vertrag für ein 70-Millionenprojekt an. Das war eigentlich Chefsache in der Rechtsabteilung. Wie es der Zufall so wollte, hatte mein Chef dann aber keine Zeit und so musste ich als junge Anwältin einspringen. Ich war natürlich aufgeregt, hatte aber einen Chef im Rücken, der mir das zutraute und mich darauf hinwies, dass nicht das Volumen, sondern die Details entscheidend sind. Noch heute bin ich stolz darauf, dass dieses Projekt reibungslos verlief und im geplanten Zeitrahmen fertiggestellt werden konnte. 

 

Wie geht es Ihnen als Frau im Baurecht? 

Es gab schon die typischen Momente, wenn Projektleiter älteren Schlags ins Büro kamen, sahen, dass der Chef nicht da war und gleich wieder kehrt machten. Da musste ich mich anfangs erst einmal positionieren und manchmal sogar klar machen, dass ich tatsächlich selbst Anwältin bin. (lacht) Im Großen und Ganzen spielt das Geschlecht im Baurecht kaum eine Rolle (mehr). 

 

Welche Fähigkeiten oder Interessen sollte man Ihrer Meinung nach mitbringen, um im Baurecht glücklich und erfolgreich zu werden? 

Man muss die Sprache der Baustelle verstehen und selbst sprechen können. Gleichzeitig braucht man die Lust, sich in komplexe Sachverhalte einarbeiten zu wollen, sowohl juristisch als auch technisch und man muss diese Sachverhalte gut beschreiben können, sodass alle Beteiligten sie verstehen. Hinzukommen kaufmännische Aspekte und betriebswirtschaftlichen Themen, die man verinnerlicht haben muss. In aller Kürze: Es braucht technisches Verständnis, eine verständliche Sprache und das richtige Handling der Bauleute, um im Baurecht glücklich zu werden. 

 

Was würden Sie heutigen Berufseinsteigern mit auf den Weg geben? 

Baurecht ist ein praktisches Rechtsgebiet, das vor allem auf der Baustelle stattfindet. Daher sollten junge Kolleginnen und Kollegen unbedingt so früh wie möglich raus auf die Baustelle in den direkten Austausch mit den Baupraktikern. 

Liebe Frau Witte, vielen Dank für das Gespräch! 

Rechtsanwältin Carla Witte

  • Fachanwältin für Bau- und Architektenrecht
  • Mitglied in der ARGE Baurecht
Zum Profil